Ein Hilux im Schlamm und ein Café am Ende der Welt
Das Couscous steht bereit, der Backofen hat soeben Vollzug gemeldet: Das Fladenbrot ist fertig. Wir sitzen draussen, die Temperatur ist angenehm, der Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Wir essen gerne, solange das Licht noch reicht. Romantik ist schliesslich eine Frage des Timings.
Die Sonne steht bereits tief, das Essen duftet, die Stimmung ist gechillt. Dann taucht am Horizont ein Offroader auf. Er steuert schnurstracks auf uns zu. Und zwar so zielstrebig, als hätte unser Couscous einen Magneten im Topf.
Der Fahrer stellt sich als Ahmed vor. Er betreibt ein Café an der Route zum Erg Chegaga. Ob wir ihm helfen könnten, ein Fahrzeug zu bergen. Nun ja. Sonnenuntergang, Couscous, warmes Fladenbrot?! Wir sind müde vom Tag und gedanklich bereits beim ersten Bissen. Eine Bergungsaktion steht ungefähr so weit oben auf unserer Wunschliste wie die Steuererklärung am Strand. «Was ist denn genau los?», fragen wir, in der leisen Hoffnung, dass sich das Problem mit einem freundlichen Schulterzucken erledigt. Ein Fahrzeug habe sich am Ufer des Sees festgefahren. Zu nahe herangefahren, sagt Ahmed. Es sei nicht weit. Gleich um die Ecke.
Eigentlich sollte dort gar kein See sein. Der Lac Iriki ist normalerweise ausgetrocknet. 2024 allerdings hatte er ordentlich Wasser gesammelt. Und offenbar beschlossen, einen Teil davon nicht mehr herzugeben.
Man ist ja nicht so. Und helfen gehört schliesslich zum guten Ton unter Reisenden. Also fährt Ahmed voraus, Frieda hinterher. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Irgendwann dämmert uns, dass Ahmed und wir unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was «gleich um die Ecke» bedeutet. Vermutlich hat er eine andere Landkarte.
Als wir endlich am Ort des Geschehens ankommen, sehen wir das Ausmass der Katastrophe. Der Hilux hat sich nicht einfach festgefahren. Er liegt auf. Komplett. Bis zur Karosserie im Matsch versunken. Man muss sich das kurz vorstellen: Da kauft einer einen nagelneuen Toyota Hilux, vermutlich mit der Vorstellung, damit künftig über Stock und Stein zu fahren. Einen Monat später hat er bereits die erste Begegnung mit der Endlichkeit des Automobils. Der Wagen steckt so tief im Schlamm, dass man sich fragt, ob der Besitzer beim Einparken einen Geologen konsultiert hat.
Der Mann ist Franzose, den Tränen nahe und vollkommen verzweifelt. Das nagelneue Auto im Dreck versenkt, die Zuversicht gleich mit. Und als wäre das nicht schon genug, muss er eigentlich nach Zagora. Seine Frau kommt mit dem Flugzeug an. Heute. An ihrem Geburtstag. Die Sonne sinkt unerbittlich. Ich manövriere Frieda so nahe wie möglich an den Hilux heran. Doch je näher wir kommen, desto schwammiger wird der Untergrund. Es wäre wenig sinnvoll, das Bergefahrzeug gleich mit zu versenken. Zehn Tonnen sind schliesslich zehn Tonnen, und auch Frieda hat ihre Grenzen. Sie ist ein Offroader, kein U-Boot.
Ich stoppe dort, wo unsere Reifen noch gerade genug Grip haben, um uns selbst nicht in die Misere zu befördern. Der Hilux steht allerdings nicht in Zugrichtung, sondern ungefähr im 45-Grad-Winkel. Die Ausgangslage ist also, sagen wir, suboptimal. Wir verlängern unsere Abschleppseile, bis wir auf rund sechzig Meter kommen, hängen den Hilux an und beginnen zu ziehen. Nichts. Kein Ruck. Kein Zucken. Kein Millimeter. Der Schlamm hält den Toyota fest wie ein enttäuschter Vermieter seine Kaution. Ich gebe vorsichtig mehr Zug. Die Räder drehen durch. Sperren hin oder her – Frieda findet keinen Halt. Wir versuchen es nochmals. Aus einer anderen Richtung. Mit etwas anderer Zuglinie. Mit der Hoffnung, dass sich die Physik vielleicht doch noch zu einem Kompromiss überreden lässt. Die Physik bleibt stur. Schliesslich müssen wir einsehen, dass wir den Hilux heute nicht mehr befreien werden. Der Wagen wird die Nacht wohl dort verbringen, wo er sich seinen Stellplatz ausgesucht hat.
Der Franzose packt ein paar Sachen zusammen. Er kann sich kaum bedanken, so sehr ist er mit seinen Nerven beschäftigt. Verständlich. Auch wenn ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, wie man einen Hilux so tief im Schlamm versenkt, tut er mir leid. Wir reden ihm gut zu. Morgen ist schliesslich auch noch ein Tag. Und manchmal braucht es eben schwereres Geschütz.
Ahmed führt uns zurück zu unserem Wildcampingplatz. Wir verabschieden uns vom Franzosen, wünschen ihm alles Gute und versprechen, morgen wieder zu helfen. Den Geburtstag seiner Frau, die nun allein in Zagora steht, im Hinterkopf. Dann gibt es endlich Abendessen. Vermutlich etwas später als geplant. Dafür mit einer Geschichte, die besser ist als jeder Couscous.
Nächster Tag
Am nächsten Morgen warten wir auf Ahmed und den Franzosen. Lange tut sich am Horizont nichts. Dann, irgendwann gegen zehn oder elf Uhr, taucht ein Traktor auf. Er schaukelt mit geschätzten dreissig Stundenkilometern durch die Landschaft, als hätte er alle Zeit der Welt und einen sehr überschaubaren Terminkalender. Ahmed hat Verstärkung organisiert. Drei Stunden später steht der Hilux wieder auf festem Boden. Der Traktor hat geschafft, woran unsere zehn Tonnen deutsche Ingenieurskunst am Vorabend in diesem Terrain gescheitert sind.
Und der Franzose? Sein Gesicht ist kaum wiederzuerkennen. Die tiefen Sorgenfalten verschwinden, die verkrampften Züge lösen sich. Aus dem Mann, der gestern aussah, als hätte er gerade sein gesamtes Erspartes im Lac Iriki versenkt, wird wieder ein Mensch. Seine Augen glänzen, sein Lächeln kehrt zurück – als hätte jemand nach einer langen Nacht endlich das Licht eingeschaltet. Manchmal ist Glück eben ein Traktor.
Ahmed aber bleibt uns vor allem wegen etwas anderem in Erinnerung: seiner Gastfreundschaft, seiner Selbstverständlichkeit, mit der er Hilfe organisiert, und seinem Einsatz für einen Fremden, der sich in eine ziemlich missliche Lage manövriert hat. Kein grosses Gerede, keine Bedingungen. Einfach machen. Wir bleiben in Kontakt. Und so kommt es, dass uns irgendwann während unserer Reise durch die Mongolei eine WhatsApp-Nachricht von Ahmed erreicht. Ob wir nicht einmal auf einen Kaffee vorbeikommen wollten. Wir müssen schmunzeln. Wir sitzen am anderen Ende der Welt, zwischen endlosen Steppen und mongolischen Jurten. Marokko steht gerade nicht ganz oben auf unserer To-Go-Liste. Aber die Einladung bleibt hängen.
Wieder in Marroko
Jetzt - zwei Jahre später - sind wir wieder in Marokko. Diesmal auf unserer Transafrika-Reise. Und diesmal wollen wir Ahmed besuchen. Die Wegbeschreibung zu seinem Café ist von einer bestechenden Einfachheit: das dritte Café auf der Route zum Erg Chegaga. Na, das sollte zu schaffen sein. Es gibt schliesslich nur drei oder vier Tracks. Un, deux, trois. Pas de probleme. Und tatsächlich: Wir finden ihn.
Der Empfang ist herzlich, als wären wir alte Freunde, die sich gestern erst verabschiedet haben. Umarmungen, Lachen und natürlich Tee. In Marokko ist Gastfreundschaft keine Nebensache, sondern eine Disziplin, in der manche Menschen Weltmeister sind. Ahmed lädt uns ein, die Nacht in seinem Camp zu verbringen. Draussen, am Rand des Erg Chegaga, dort, wo die Dünen langsam in die Weite der Sahara übergehen. Wir nehmen gerne an. Und während wir dort sitzen, zwischen Sand, Abendlicht und dieser besonderen Stille der Wüste, denken wir zurück an jenen Abend am Lac Iriki. An das kalte Couscous, den widerspenstigen Schlamm, den verzweifelten Franzosen und einen Traktor, der die Sache am Ende geregelt hat. Vor allem aber an Ahmed. Denn manchmal lernt man Menschen nicht bei einem gemütlichen Kaffee kennen, sondern dann, wenn man eigentlich gerade in Ruhe essen wollte. Und manchmal führt einen eine missglückte Bergungsaktion Jahre später zurück an einen Ort, an dem man sich plötzlich nicht mehr wie ein Reisender fühlt, sondern wie ein willkommener Gast.
Falls du einmal in Marokko unterwegs bist und die Sahara erleben möchtest, ohne dich in den touristischen Trubel des Erg Chebbi einzureihen: Ahmed zeigt dir gerne seine Wüste. Mit viel Herz, lokaler Erfahrung und jener Gastfreundschaft, die man nicht buchen kann – auch wenn man sie bei ihm tatsächlich buchen darf.
Du findest Ahmed und sein Angebot unter Morocco of Sahara.
Und falls du dich fragst, ob es sich lohnt: Wir sind extra wiedergekommen.
Heike · Peter · Frieda · Oktober 2026