Sawadee
- Peter

- 5. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Thailand mit Frieda
Thailand beginnt nicht mit einem Knall. Es beginnt mit Warten. Zwei Tage, in denen man nicht genau weiss, ob das alles legal ist, halbilegal, oder einfach so, wie es hier eben läuft. Ein Foreign Vehicle Permit muss her — ein FVP, drei Buchstaben, die sich wichtiger anfühlen als sie klingen. Maewa, die Agentin, nimmt die Gruppe an der Grenze in Empfang. Fünf Fahrzeuge, fünf Besatzungen, alle mit demselben verhaltenen Blick: Kommt das durch?
Es kommt durch. Drei Stunden Papiere, Stempel, Warten, nochmals Warten. Maewa erledigt alles. Man steht dabei, versteht nichts von dem, was gesagt wird, und das ist in Ordnung — denn offenbar versteht Maewa genug für alle. Dann: Foto mit Offiziellen. Schranke auf. Frieda rollt rüber. Bitte einmal links. Und auf dieser Seite, der richtigen, merkt man sofort: die Strassen sind besser. Die Schilder auch. Und das Lächeln der Menschen kommt schneller, als man es erwartet hätte.
Was folgt, sind fast zwei Monate. Tempel, Fledermäuse, weisse Buddhas, blaue Tempel, schwarze Häuser, goldene Türme. Fussmassagen in der Mittagshitze. Rotwein auf einer Strandliege. Ein Mönch, der einem zeigt, wo man am besten parkt. Thailand lässt sich schwer zusammenfassen. Man kann es nur durchfahren.
Ban Mung, Fledermaus-Hotspot
Um 16 Uhr kommt das Tuk-Tuk. Der Fahrer hat sich ordentlich Mühe gegeben – er zeigt, deutet, erklärt das Dörfchen im Abendlicht, obwohl im Dörfchen selbst wirklich nichts los ist. 15 km/h, Abendsonne, das leise Tuckern des Motörchens. Es gibt schlechtere Arten, die Zeit totzuschlagen.
Aber um 18 Uhr beginnt das eigentliche Schauspiel. Aus einem Spalt im Fels – oder war es ein Baum, eine Höhle, ein Riss in der Wirklichkeit – kommen sie. Erst einzeln, dann in Strömen, dann in Massen, die sich in den Abendhimmel schrauben wie schwarzer Rauch aus einem kontrollierten Feuer. Fledermäuse. Hunderttausende. Eine Wolke, die lebt, atmet, sich dreht, windet, verformt, tanzt. Kein Laut ausser dem Rauschen ihrer Flügel.
Nach fünf Minuten ist es vorbei. Man schaut einander an. Man sagt nichts. Was sollte man sagen. Atemberaubend.
Am nächsten Abend kommt man zu Fuss. Nimmt ein Bier mit und eine Tüte Chips. Setzt sich. Wartet. Und wieder kommen sie. Pünktlich um 18.00 Uhr. Und wieder ist es so, als würde man es zum ersten Mal sehen. Drei Nächte, dreimal dasselbe Schauspiel. Es nutzt sich nicht ab.
Si Satchanalai · Lampang · Chiang Rai · Chiang Mai
Im Norden Thailands versteht man, warum Menschen anfangen, langsamer zu fahren. Die Strassen sind gut. Manchmal zweispurig, manchmal enger, aber immer: gut. Man gleitet. Frieda gleitet. Der Norden trägt keine Eile. Die Berge tun das Ihre.
Si Satchanalai, ein Geschichtspark aus dem 13. und 14. Jahrhundert, liegt im Morgenlicht wie eine vergessene Kulisse. Keine Touristenmassen, keine Audioguides, kein Hinweis darauf, dass irgendjemand hier ausser einem selbst wäre. Man mietet zwei Fahrräder. Fährt zwischen Ruinen. Vögel singen. Der Jasmin hängt schwer. Die Steine schweigen auf ihre eigene, vollständige Art.
Das ist das Beste an sehr alten Orten: Sie brauchen einen nicht. Man übernachtet verbotenerweise im Park, neben einer Ruine, die man beim Radfahren entdeckt hat. Kein Ranger kommt. Die Nacht ist still. Am frühen Morgen, noch vor dem Licht, fährt man weiter – nicht weil man muss, sondern weil man nicht entdeckt werden will, und es gibt keinen besseren Grund, eine schöne Stätte zu verlassen, als dass man heimlich dort war.
Campground Ban Dong Mae, irgendwo bei Lampang: Ein Paradies, das man beinahe verfehlt hätte. Die Zufahrtsstrasse ist so eng, dass Bambus ins Fenster greift, Äste an Friedas Dach schaben, und man sich fragt, ob das hier wirklich die richtige Adresse ist. Dann öffnet sich der Wald.
Der Betreiber – Mik, englischsprachig, von einer Herzlichkeit, die man sich merkt – hat Bäume gestutzt, damit Frieda durchkommt. Das Abendessen: drei Gänge. Das Frühstück: Reissuppe mit Gehacktem, zu viele Eier, reichlich Poulet. Man isst viel. Man nimmt die Reste mit. Man bleibt drei Tage, weil man vergessen hat, warum man eigentlich weiterfahren wollte.
Chiang Rai enttäuscht ein bisschen. Das ist nicht Chiang Rais Schuld. Der weisse Tempel ist tatsächlich das Prächtigste, was man je gesehen hat – porzellanweiss, fragmentiert, strahlend, als hätte jemand einen Traum aus Keramik gegossen. Der blaue Tempel: hübsch, aber schnell besichtigt. Das Schwarze Haus: ein Künstler, der Dunkelheit sammelte, und hölzerne Penismännchen – Peter ist begeistert.
Die Stadt selbst ist chaotisch, laut, ohne Altstadt, mit einem goldenen Uhrenturm im Stau. Man kauft Rotwein, frisch gerösteten Kaffee, gönnt sich eine Fussmassage, isst Pizza in einem Park. Die Nacht ist unruhig vor Mopeds. Wir fahren weiter.
Chiang Mai hingegen – Chiang Mai gefällt. Es ist lieblicher, übersichtlicher, mit 200 Tempeln angeblich, von denen man vielleicht zehn besucht. Das Fern Forest Café, um die Ecke vom Stellplatz, wird zur Stammkantine: Frühstück, wieder Frühstück, noch einmal Frühstück. Manchmal gönnt man sich etwas. Man wäscht Kleider. Man geht zum Coiffeur – das Ergebnis ist kürzer als gewünscht und leicht schief, aber Haare wachsen wieder nach. Abends: Thai-Massage, beide. Man verlässt die Stadt nicht ungern, aber mit etwas, das sich wie Dankbarkeit anfühlt.
Tempel. Und dann nochmals Tempel
Man muss das sagen, weil es sonst niemand sagt: Thailand hat zu viele Tempel. Das ist nicht möglich, sagt man. Es ist möglich. In Chiang Mai allein: 200. Im Rest des Landes: Zahlen, die niemand mehr zählt.
Die Tempel sind schön. Die Tempel sind sehr schön. Die Tempel sind alle sehr schön und irgendwann – nach dem siebzehnten oder zwanzigsten, nach dem goldenen und dem weissen und dem blauen und dem schwarzen und dem im Bau befindlichen, bei dem man den Mönch fragt ob man bitte übernachten darf und er nickt oder es zumindest so aussieht als ob – irgendwann schaut man auf einen Tempel und denkt: noch einer.
Das ist kein Vorwurf. Das ist Sättigung. Man sättigt sich an dem Schönen, genau wie am Essen. Aber nicht bei den Fledermäusen.
Und dann, beim Geschichtspark Wat Mahathat in Ayutthaya, ist alles wieder anders. Ruinen, nicht restauriert, nicht poliert. Köpfe ohne Rümpfe. Bäume, die durch Mauern gewachsen sind wie Gedanken durch Verbote. Das 14. Jahrhundert liegt hier nicht hinter Glas, sondern im Gras, unter den Füssen, erreichbar. Man steht davor und begreift, dass Geschichte nicht immer ein Museum braucht.
Gleich neben dem Tempel: ein 7-Eleven. Gekühlt, beleuchtet, immer offen. Man kauft Wasser. Man kauft Bier. Man kauft etwas Tiefgekühltes und weiss nicht genau was. Thailand hat dreimal mehr Tempel als 7-Elevens, von denen es weit über 10000 gibt — aber bei 34 Grad schenken beide auf ihre Art Erleuchtung. Der eine seit Jahrhunderten. Der andere seit der Erfindung der Klimaanlage. Man ist für beide dankbar.
Koh Kho Khao · Hapla Beach · Klong Muang · Chao Mai
Irgendwo zwischen Ranong und Khao Lak flacht das Land ab. Die Hügel werden kleiner, die Palmen dichter, die Strasse gerader. Und dann, kurz bevor Khao Lak kommt, riecht man es: Salz. Die Küste beginnt. Und mit ihr: das Meer.
Koh Kho Khao – eine Halbinsel, die vergessen hat, wann sie zuletzt touristisch war. Ein Strand, so leer, dass man das Schweigen hört. Frieda steht neben einem Trockenfluss. Man klappt den Tisch aus. Man öffnet das Bier. Abends singt einer der Jungs vom Camping zur Gitarre, und man sitzt auf der Liege und schaut aufs schwarze Wasser und denkt: hier wäre ich gerne länger geblieben. Man ist länger geblieben. Natürlich.
Hapla Beach: Hütte Nr. 1A, grosses Bett, gutes Badezimmer, das Meer in Sichtweite. Am Morgen ausgedehnte Spaziergänge, bei denen man Krebse aufschreckt und Nacktbader diskret übersieht. Mittags Liegestuhl. Abends Essen. Dazwischen: nichts, was sich rechtfertigen müsste.
Was dann folgt, ist kein Reiseprogramm mehr. Es ist ein langsames Gleiten die Küste entlang Richtung Malaysia, von einem Strand zum nächsten, mit dem stillschweigenden Einverständnis, dass man hier nichts leisten muss. Klong Muang: touristischer, lauter, aber mit Essen in jede Richtung, und das zählt. Die welschen Reisenden mit dem Camper — sechs Jahre unterwegs, zwei Kinder, kein fixer Plan — sind sympathisch und grüsst man freundlich. Aber das Französisch setzt bald die natürliche Grenze, und beide Seiten finden das offensichtlich in Ordnung. Chao Mai Beach schliesslich: nur Strand, nur Frieda, nur Stille — unterbrochen von frisierten Mopeds in der Nacht, die niemand bestellt hat und niemand braucht.
Man schläft trotzdem. Der Strand ist sauber genug, der Stellplatz nicht, aber da ist nicht das Meer schuld.
Man will nicht raus
Am 14. März steht man beim Stausee, irgendwo kurz vor der malaysischen Grenze, und beide sind lustlos. Nicht auf den nächsten Ort. Nicht auf das nächste Land. Auf das Aufhören. Thailand hat gestimmt — das Wetter, die Menschen, die Strassen, das Essen, die Stille an den richtigen Orten und der Lärm an den falschen. Man hat sich wohlgefühlt hier, von Anfang an, und das ist keine Selbstverständlichkeit nach so vielen Monaten unterwegs.
Thailand hat das gemacht, was die besten Reiseziele tun: Es hat einen nicht beeindruckt. Es hat einen beschäftigt. Jeden Tag, mit etwas Kleinem oder etwas Grossem – einem Mönch, der die Hand hebt, einem Himmel voller Fledermäuse, einer Massage, die schmerzt und dann nicht mehr schmerzt, einem 7-Eleven, der um drei Uhr morgens auf ist und Eiswürfel verkauft. Man würde gerne bleiben. Man weiss aber auch, dass das der richtige Moment ist — solange es noch wehtut zu gehen.
Man schaut zurück auf die letzten zwei Monate und zählt nicht die Tempel. Man zählt die Abende. Die sind zahlreich. Und gut.
Peter + Heike + Frieda, Januar - März 2026





















































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