top of page

China auf eigene Faust: was Overlander wissen sollten

  • Autorenbild: Peter
    Peter
  • 6. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Jan.

China hat unter Overlandern einen schwierigen Ruf. Zu kompliziert, zu viele Regeln, nur mit Guide, Visa kaum planbar. Vieles davon basiert auf veralteten Informationen oder auf Gerüchten, die sich hartnäckig halten. In der Praxis ist China auf eigene Faust für Overlander gut machbar – wenn man weiss, wie Visa, Einreise und Fahrzeugformalitäten funktionieren.

Dieser Beitrag richtet sich explizit an Reisende mit eigenem Fahrzeug und fasst zusammen, was offiziell gilt, was sich in der Praxis bewährt hat und wo echte Stolpersteine liegen.


Visa-Grundlagen: Das Zeit-Problem für Overlander


Für die meisten Reisenden ist das Touristenvisum (L-Visum) der klassische Einstieg. Es wird üblicherweise für 30, 60 oder 90 Tage ausgestellt. Entscheidend ist dabei ein Punkt, der für Fahrzeug-Overlander besonders relevant ist: nach Ausstellung des Visums hat man nur drei Monate Zeit, um nach China einzureisen. Erst mit der Einreise beginnt dann der eigentliche Aufenthalt.


Für Reisende, die von Europa über Land unterwegs sind, kann genau diese Frist problematisch werden. Verzögerungen an Grenzen, Fahrzeugprobleme, Wetter oder politische Änderungen sind auf langen Routen eher die Regel als die Ausnahme. Wer das Visum zu früh beantragt, läuft Gefahr, dass es verfällt, bevor man überhaupt an der chinesischen Grenze ankommt. Das ist kein theoretisches Problem, sondern eine reale Stressquelle auf der Route durch Zentralasien. Wer den Pamir und / oder die Mongolei auf dem Plan hat, kann die 3 Monate schon zu Beginn knicken. Deshalb spielt die visafreie Einreise für viele Overlander heute eine zentrale Rolle.


Unsere Tour von Europa über den Pamir in die Mongolei und durch China nach Laos
Unsere Tour von Europa über den Pamir in die Mongolei und durch China nach Laos

Visafrei nach China – erlaubt und missverstanden


Viele europäische Staatsangehörige können aktuell für 30 Tage visafrei nach China einreisen (Ausnahme: UK). Dafür ist kein Antrag nötig, man erscheint einfach an der Grenze mit dem Pass. Diese Regelung wird häufig unterschätzt oder falsch dargestellt. Faktisch gilt:


  • Mehrfach Einreisen sind erlaubt

  • Es gibt keinen Mindestabstand zwischen Einreisen

  • Der visafreie Aufenthalt kann einmal innerhalb Chinas verlängert werden


Offiziell bestätigt durch chinesische Botschaften ist zudem: Es gibt keine Begrenzung für die Anzahl der visafreien Einreisen oder die Gesamttage, solange der Aufenthalt touristisch ist.


Für Overlander ist das besonders wertvoll, da es Planungsspielraum schafft und den Druck nimmt, ein Visum exakt zu timen.


Wichtig für Fahrzeug-Overlander ist allerdings eine klare Trennung: Die visafreie Regelung betrifft die Person, nicht das Fahrzeug. Die Einfuhr eines Fahrzeugs nach China ist ein eigener, formaler Prozess.




Fahrzeug-Einfuhr: Agenturpflicht, aber kein Guide


Einer der grössten Mythen über China ist die angebliche Guide-Pflicht für Fahrzeugreisen. Die rechtliche Lage ist eindeudig:


Ein Guide ist gesetztlich nur für die Tibet Autonomouse Region (TAR) vorgeschrieben. Ausserhalb der TAR gibt es keine Guide-Pflicht. Freies, selbständiges Reisen mit dem eigenem Fahrzeug ist erlaubt.


Was man jedoch erforderlich ist, ist eine Agentur, die die administrativen Fahrzeugformalitäten übernimmt. Das ist keine Reiseleitung, sondern administrative Unterstützung resp. organisatorischer Dienstleister. Typische Aufgaben einer Agentur sind:


  • Zollabwicklung bei Ein- und Ausreise

  • Ausstellung eines temporären chinesischen Kennzeichens

  • Ausstellung eines temporären chinesischen Führerscheins

  • Organisation der vorgeschriebenen Fahrzeugversicherung

  • Abwicklung und Zahlung der Fahrzeugkaution


Ohne diese Schritte ist eine legale Fahrzeugeinfuhr nicht möglich, die Agentur ist dafür das Bindeglied zu den Behörden.


Es gibt Agenturen, die frei reisen lassen, und andere, die intern einen Guide vorschreiben, auch ausserhalb Tibets. Diese Guide-Pflicht ist keine gesetzliche Vorgabe, sondern eine Geschäftsbedingung der Agentur.


Tibet und Routrenplanung


Die Tibet Autonomous Region (TAR) nimmt eine Sonderrolle ein. Dort ist ein Guide zwingend vorgeschrieben, inklusive fixer Route und spezieller Genehmigungen. Das betrifft ausschliesslich die TAR. In Osttibet, also in Teilen von Sichuan, Qinghai, Gansu und Yunnan, ist freies Reisen mit eigenem Fahrzeug möglich und es gelten keine Sondergenehmigungen.



Verlängerungen und lange Aufenthalte


Sowohl reguläre Visa als auch der visafreie Aufenthalt können innerhalb Chinas verlängert werden. Grundsätzlich gilt: Eine Verlängerung darf nicht länger sein als der ursprünglich genehmigte Aufenthalt. Ein 30-tägiger visafreier Aufenthalt kann also auf maximal 60 Tage verlängert werden, ein 90-Tage-Visum auf maximal 180 Tage Gesamtaufenthalt. Eine Verlängerung kann im Raum Peking schwierig werden, gute Erfahrungen werden von Leshan berichtet, meist ist die Verlängerung innerhalb von 3 Tagen machbar. Weiter gelten Lijang, Chengdu (7 - 10 Tage) und Xining (2 - 3 Tage) als gute Anlaufsorte für Visa-Verlängerungen mit problemlosen, kurzen Bearbeitungszeiten.


Oft taucht in diesem Zusammenhang die Zahl  «180 Tage pro Jahr» auf. Dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage. Was es gibt, ist eine Einzelfallprüfung. Wer sehr lange und nahezu durchgehend als Tourist in China bleibt, kann Rückfragen bekommen, ob der Aufenthalt noch touristisch ist oder faktisch einem Leben im Land entspricht. Das ist keine feste Grenze, sondern Ermessenssache.


 



Border-Runs und das Fahrzeug in China lassen


Ein wichtiger Punkt für Fahrzeug-Overlander: Man kann China verlassen, ohne das Fahrzeug mitzunehmen. Das Auto kann legal im Land stehen bleiben, etwa bei einer Werkstatt, einem Hotel oder über die Agentur. Der Reisende kann per Flugzeug nach Hongkong oder Macau ausreisen und später wieder nach China einreisen.


Diese Praxis ist legal und wird regelmässig genutzt. Sie ermöglicht es, visafreie Einreisen oder neue Visa zu nutzen, ohne jedes Mal mit dem Fahrzeug über die Grenze zu müssen. Voraussetzung ist, dass die Fahrzeugpapiere korrekt sind und Ein- und Ausreisen sauber dokumentiert werden. Praktischer Tipp: In Südchina ist Zhuhai → Macau ideal für schnelle Visa-Runs. Man kann einfach zu Fuss über die Grenze gehen und wieder zurück.


Visa entlang der Overland-Route: Realität statt Hoffnung


Ein häufiger Irrtum betrifft Zentralasien. In den klassischen Overlander-Ländern wie Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan oder Usbekistan sind chinesische Visa nicht erhältlich. Die einzige realistische Ausnahme ist die Mongolei, genauer Ulaanbaatar. Planbare Alternativen entlang der Route sind:


  • das Heimatland

  • Georgien

  • Armenien

  • Vietnam

  • Thailand

  • Hongkong


Vor allem in Georgien und Armenien sind die Chancen gut, ein 60 resp. 90 Tage Visum zu erhalten. Taiwan scheidet aus, da es keine chinesische Auslandsvertretung gibt. Dubai ist nur für Residents eine Option.

 

Wie lange kann ich nun bleiben?


Die obigen Varianten lassen sich kombinieren. Einige Beispiele:

  1. Visa-freie Einreise + 1 x Verlängerung = 60 Tage

  2. Visa-freie Einreise + 1 x Verlängerung + 1 x Border-Run = 90 Tage

  3. Visa für 60 Tage = 60 Tage

  4. Visa für 60 Tage + 1 x Verlängerung + 1 x Border-Run = 150 Tage

  5. Visa-freie Einreise + 3 x Border-Run = 120 Tage

 

Digitale Realität: VPN, WeChat und Alipay


China funktioniert digital anders als viele andere Länder. Ein funktionierendes VPN sollte unbedingt vor der Einreise installiert werden, da viele westliche Dienste blockiert sind. Nicht jedes VPN funktioniert zuverlässig, und manche Protokolle sind stabiler als andere.


Wir nutzten folgende VPNs:


  • Nord-VPN

  • LetsVPN

  • Ostrich VPN

 

WeChat ist im Alltag praktisch unverzichtbar. Es dient nicht nur der Kommunikation, sondern auch dem Austausch von Kontakten, QR-Codes und der Organisation unterwegs, etwa mit Werkstätten, Unterkünften oder Agenturen.


Alipay ist für Zahlungen im Alltag fast wichtiger als Bargeld. Tanken, Einkaufen, Restaurants, Parken oder kleinere Reparaturen laufen häufig darüber. Bargeld wird akzeptiert, ist aber zunehmend unpraktisch.


Hilfreiche Mini-Programme


Die beiden folgenden Apps sind Mini-Programm innerhalb von WeChat und können hier via Copy / Paste darin gesucht werden. Es sind Camping-Führer die helfen, Camping-, Stell- und Übernachtungsplätze zu finden, sowie Wasser, Duschen und Waschmöglichkeiten.


趣汇友


安营驻车



Unterm Strich


China ist für Fahrzeug-Overlander kein einfaches Land, aber mit etwas Mut und Organisation gut machbar. Wer den Pamir meistert, kann auch China. Die Regeln sind klarer, als ihr Ruf vermuten lässt. Wer versteht, dass Tibet Sonderregeln hat, dass Fahrzeuge über Agenturen abgewickelt werden und dass visafreie Einreisen inklusive Border-Runs offiziell erlaubt und flexibel sind, kann China legal, selbstständig und vergleichsweise entspannt mit einem eigenen Fahrzeug bereisen.


Der Schlüssel liegt in der Planung, nicht im Visum. Da sich Regelungen ändern können, ist eine Überprüfung für das jeweilige Reisejahr unerlässlich.



 


 

 
 
 

1 Kommentar


reisekiste.ch
06. Jan.

Bravo! Es wird soviel Unsinn über China-Overlanding im eigenen Fahrzeug geschrieben und kolportiert. Das ist für mich der erste umfassende, sachliche und korrekte Beitrag zum Thema. Ich kann aus der Erfahrung von zwei China-Reisen (2024 und 2025) im eigenen LKW-Reisemobil alles Geschriebene von A-Z bestätigen. Wir haben erst gerade zwei Monate im Land verbracht, 30 Tage visafrei und weitere 30 Tage visafrei nach einem Visarun. Letzteres als „Aus-Flug“ von Chengdu nach Hongkong und zurück zum dort auf einem öffentlichen Parkplatz abgestellten Fahrzeug.

Gefällt mir

Folge uns

  • Polarsteps
  • Facebook

© 2024  - 2025 Spurmacher

bottom of page