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Zwei Monate Overland durch ein Land, das besser funktioniert als sein Ruf

  • Autorenbild: Peter
    Peter
  • 31. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. März



China.


Das Wort fiel am Overlander-Lagerfeuer meist in gedämpfter Lautstärke. So, als könnte es mithören. Zu laut, zu voll, zu kontrolliert. Ein Land, das man besser umfährt, hiess es. Zu kompliziert. Zu wenig Freiheit. Zu viel alles.


Wir nickten meistens. Denn wir sind sonst die, die abbiegen, wenn die Strasse schmaler wird. Backroads statt Boulevards. Staub statt Skyline. Landschaft statt Sehenswürdigkeit.


Und dann standen wir an der Grenze zur Volksrepublik China. Mit Frieda. Schweizer Nummernschild. Zwei Monate Zeit im Gepäck. Und erstaunlich wenig Erwartungen.


Ein Fehler. Oder ein Glück.




Wie bereisen wir China mit dem eigenen Fahrzeug?


Der grosse Sprung nach China fühlte sich an wie der Übergang in eine andere Welt. Schon die ersten Kilometer waren so ungewohnt, wie sich die kommenden zwei Monate anfühlen sollten. Vier Spuren, Leitplanken, perfekter Asphalt. Keine Improvisation. Keine Löcher. Keine Zufälle. Selbst Nebenstrassen wirkten wie Autobahnen. China baut nicht, um durchzukommen. China baut, um zu funktionieren.


Wir suchten Backroads. Fanden aber keine - denn selbst die kleinen Strassen sind hier so gross, dass man gleich auf der Autobahn bleiben kann. Also beschlossen wir, etwas Ungewohntes zu tun: aufzuhören zu suchen. Wenn dieses Land schon so gross denkt - dann wollten wir sehen, was es damit meint. Also fuhren wir dahin, wo wir sonst nie hinfahren: zu den Sehenswürdigkeiten, den Hotspots, den Orten, die wir eigentlich meiden - und die in China plötzlich Sinn ergaben.


Peking. Grosse Mauer. Xi'an. Terrakotta-Krieger. Chengdu. Chongqing. Emei Mountain. Leshan Buddha.


Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern aus Neugier. Es fühlte sich seltsam an. Ungewohnt. Plötzlich auf Sightseeing-Tour zu sein, statt einfach irgendwo durchzufahren. Aber es passte. In diesem Land der grossen Gesten machten auch wir mal grosse Pläne.




Peking und das lange Warten


Eigentlich wollten wir fünf Tage bleiben. Es wurden eineinhalb Wochen. Frieda hatte andere Pläne. Der Alternator hatte bereits in der Mongolei aufgegeben. Der Batteriekasten brauchte eine neue Schweissnat. Keilriemen musste eingestellt werden. Werkstatt statt Weltwunder.


Was folgte, war kein Chaos, sondern Geduld. Viel Geduld. Übersetzungs-Apps. Gesten. Kommunikation über WeChat, das chinesiche Pendant zu WhatsApp. Lächeln. Unterstützung durch die Agentur, die uns nach China gebracht hatte. Ein aufbereiteter Alternator. Mechaniker, die konzentriert arbeiteten, als sei ein Schweizer LKW nichts Ungewöhnliches. Wir tranken Tee. Warteten. Redeten mit Händen. Beobachteten. Und nutzten die Zeit.





Peking in Ruhe. Ohne Hektik. Olympiaanlage mit dem berühmten Birds Nest. Aber auch die verbotene Stadt, den Sommerpalast, Tian'anmen, Himmelstempel. In einem besternten Michelin-Restaurant assen wir die besten Dumplings überhaupt. Museen, Hutongs, Seitenstrassen.


Und plötzlich waren wir angekommen - nicht bei Sehenswürdigkeiten, sondern im Alltag. Zwischen Werkbank und Plastikstuhl, zwischen Pause und Weiterarbeiten. Peking nicht als Postkarte, sondern als Stadt, in der Menschen einfach ihren Job machen.




347 Stundenkilometer Normalität


In Chengdu liessen wir Frieda stehen und stiegen in den Hochgeschwindigkeitszug nach Chongqing. Der Bahnhof fühlte sich nicht nach Bahn an. Eher nach Flughafen. Gepäckscanner. Sicherheitskontrollen. Displays. Ordnung. Niemand diskutierte. Niemand drängelte. Alle wussten, was sie taten — wir nicht.


Der Zug setzte sich lautlos in Bewegung. Beschleunigte. Und beschleunigte weiter. 347 km/h fühlten sich nicht spektakulär an. Sondern selbstverständlich. Die Landschaft wurde zu einem flüssigen Zustand. Dörfer, Hochhäuser, Baustellen - alles glitt vorbei wie eine gut geschnittene Dokumentation.


Wir sassen da und dachten: So fühlt sich Zukunft an, wenn sie Alltag geworden ist.




Chongqing – zu viel Stadt auf einmal


Chongqing kam nachts. Und mit Licht. Viel Licht. Neon in allen Farben. Hochhäuser bis in den Nebel. Strassen übereinander. Metrozüge, die durch Wohnblocks fahren, als hätte jemand bei SimCity sämtliche Regeln ausgeschaltet. Diese Stadt ist kein Ort. Sie ist ein Zustand.


Man läuft herum, schaut nach oben, nach unten, nach irgendwo - und verliert jedes Gefühl für Ebene. Chongqing ist vertikal, lautlos überwältigend und seltsam logisch. Wer versucht, sie zu verstehen, scheitert. Wer sie einfach wirken lässt, bleibt stehen und staunt. Wir staunten nicht schlecht.




Ein Land mit immenser Infrastruktur


Zurück auf der Strasse wurde das Staunen zur Routine. Autobahnen, die sich über Berge legen wie Lineale. Tunnel, Brücken, Viadukte. Man fragte sich irgendwann nicht mehr, ob es weitergeht - sondern nur, wie spektakulär.


Die höchste Brücke der Welt hatten wir bewusst angesteuert. Trotzdem war man nicht vorbereitet. Man fährt aus einem Tunnel - und plötzlich ist da nur noch Tiefe. Nichts. Luft.


Man denkt kurz: Das ist irre. 625 Meter. Ich wiederhole: 625 Meter.


Dann fährt man weiter. Denn auch das ist China.




Pandas und andere weiche Landungen


In Chengdu sind die Pandas zu Hause. Im Giant Panda Research Center leben sie heute nicht mehr in Käfigen, sondern in Gehegen - Teil eines Programms, das es tatsächlich geschafft hat, die Geburtenrate zu steigern und den Grad ihrer Gefährdung zu senken. Es war überraschend ruhig. Kein Geschrei. Keine Hektik. Die Gehege wirkten klein, ja - aber die Tiere entspannt. Und Pandas haben diese besondere Eigenschaft, jede politische Diskussion für einen Moment auszuschalten. Man schaut ihnen zu - und alles andere wird unwichtig.


Ihre Knuffigkeit ist nicht verhandelbar.




Unterwegs mit Schweizer Kennzeichen


Wir waren ohne Guide unterwegs. Mit eigenem Fahrzeug. Schweizer Nummernschild. Ein Exot. Und trotzdem fühlten wir uns selten fremd. Die Menschen begegneten uns neugierig, offen, hilfsbereit.


Mitten auf der Strasse rief uns jemand „Welcome to China!" zu. Einfach so. Weil er sich freute.


In einem Restaurant schenkte uns die Dame am Nebentisch getrocknete Früchte. Ohne Worte. Nur ein Lächeln und eine Tüte.


Auf Parkplätzen wurden wir zum Abendprogramm. Menschen kamen, bestaunten Frieda, stellten Fragen. Wir zeigten ihnen das Innere, erklärten mit Händen und Füssen, woher wir kamen, wohin wir wollten. Sie machten Fotos. Wir auch.


Das China, das wir erlebten, hatte wenig mit dem China zu tun, über das man sonst spricht. Unsere Erfahrungen innerhalb Chinas standen dabei im deutlichen Kontrast zu dem Bild, das wir aus Begegnungen ausserhalb des Landes kannten.


Wir übernachteten meist auf Parkplätzen. Das war nicht immer schön, nicht romantisch - aber einfach. Niemand schickte uns weg. Niemand machte Probleme. In einem Land, das von aussen streng wirkt, reisten wir erstaunlich leicht.




Und dann war da dieses Gefühl


Gegen Ende der zwei Monate wurde es anstrengend. Immer der gleiche Ablauf: ein grosser Parkplatz. Ein Ticket-Shop. Ein Shuttle. Eine Sehenswürdigkeit. Wieder zurück. Es funktionierte. Aber es wurde langweilig.


Wir vermissten plötzlich die Zufälle. Die kleinen Strassen. Das Verfahren. Das Nicht-Wissen, was kommt. China hatte uns gezeigt, wie gross und effizient Reisen sein kann. Aber am Ende sehnten wir uns wieder nach klein. Nach Staub statt Skyline. Nach Natur und Einsamkeit statt Infrastruktur.


China hat uns kalt erwischt.


Nicht mit Perfektion. Nicht mit Propaganda. Sondern mit Widersprüchen. Mit Kontrolle und Freiheit nebeneinander. Mit gigantischer Infrastruktur und erstaunlicher Gelassenheit. Mit einem Alltag, der leiser war, als wir erwartet hatten. Wir sind mit Skepsis hineingefahren. Und mit Respekt wieder raus. Aber mit dem Gefühl, dass China grösser ist als jedes Urteil, das man von aussen fällt.




 
 
 

3 Kommentare


Gast
07. März

Oooh was für Eindrücke so spannend zu lesen - ein Genuss ❤️😎

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Django_Overland
31. Jan.

Wow, was für eine Reise, was für Eindrücke. Wir sind in die selbe Richtung unterwegs, auch mit CH Nummer. Mit welcher Agentur seid ihr eingereist? Live Grüße Helene und Samuel

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Gast
07. März
Antwort an

von Kasachstan in die Mongolei mit DriveChina, von Ehrenhot nach Laos mit Roadpioneer. Beide Agenturen waren top, wir hatten keine Probleme und gute Unterstützung.

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